
Der Historiker und Extremismusexperte Dr. Volker Weiß befasst sich erfolgreich sowohl mit der Einbettung des Rechtsextremismus’ in einen historischen Kontext, betrachtet aber auch neuzeitliche Entwicklungen wie die Neue Rechte, Rechtsextremismus in den USA, Russland, Ungarn und Pegida. Dabei kam mir in seiner sonst sehr interessanten gestrigen Lesung ein Aspekt zu kurz:
Rechtsextremismus in der frühen Kindheit – Liberale Erziehung unbekannt?
Als Vierfach-Mutter bin ich nun voll im Bild: Yoga in der Schwangerschaft, Hebammensuche für die Phase vor, in und nach der Geburt, Krabbelgruppe, Wahl der Tagesmutter, KiTa, OGS, Vorsorgeuntersuchung während und nach der Schwangerschaft, Stillberatung, und Vorsorgeuntersuchungen des Kindes von U1 – U12, nicht zu vergessen die Impfdiskussionen… es war deutlich: Kinder und Mütter werden regelmäßig kalibriert, es geht hauptsächlich um Gewicht, Größe, Ernährung, Zahnstellung, Milchfluss, allgemeine gesundheitliche Entwicklung aller Beteiligten. Dies wird engmaschig protokolliert, die Daten in der e-Akte langfristig gespeichert, im Idealfall gibt es ein „Sehr schön״ vom Kinderarzt rechts unten im Vorsorgepass, worst case ein „schön“.
Fragen der Abtreibung etwaiger angehender behinderter Kinder tauchen auf. Uff.
Brandgefahr
Finde ich einen KiTa-Platz, wenn ja welchen? In der Regel sind in NRW KiTas in katholischer/evangelischer Trägerschaft oder werden städtisch verwaltet. Genauso wie die Familienberatungen. In Köln gibt es ein ganz klares Credo: Katholische Kinder haben gute/bessere Chancen auf einen KiTa-Platz, auf die vermeintlich besseren Schulen, auf die vermeintlich besseren weiterführenden Schulen. Da ich Lehrerin bin würde ich dies nicht unterschreiben, aber manchmal reicht bekanntlich das Image dieses Zusammenhangs. Nicht unbedingt ein weltoffenes Angebot, wenig Anstrich von Vielfalt. Private Anbieter sind meistens etwas „bunter“: dafür aber auch kostspielig.
Was hat das mit Rechtsextremismus zu tun?
Es ist doch gut gemeint, die Kindsvernachlässigung ist zurück gegangen, Eltern werden nicht allein gelassen sondern in ihren Erziehungsaufgaben begleitet, die Gesundheit und der Charakter wird durch sportliche Betätigung gestärkt… ist doch nicht schlecht.
Es hat vor allen Dingen nichts mit dem offen zur Schau gestellten grauenvollen rechtsradikalen Gedankenguts von Hitler-Deutschland zu tun, welches heute noch die Neonaziszene stolz vor sich hertragen: damals war das übergeordnete Ziel die körperliche Gesundheit des Kindes, wünschenswert war zusätzlich absoluter Gehorsam, Loyalität, Aufopferungsbereitschaft, gut beschrieben in der Bachelorarbeit von Viktoria Nosikov, Rechtsextremismus in der Erziehung
Körperliche oder geistige Behinderungen, aber auch Kranken generell standen Rechtsextreme ablehnend gegenüber, damit das deutsche Erbgut nicht „verunreinigt“ wird.
Dennoch: Betrachten wir das Ergebnis, 18 Jahre nach Elterngeld und Elternzeit… ordnen wir die Neue Rechte ein als Feind der ״Linken Erziehung״, abfällig auch ״Laissez-Faire“ Erziehung genannt, wird erst einmal klar wie sehr religiöser Fundamentalismus und biologische Kontrolle den Rechtsextremen in die Hand spielen.
Be aware, you might be brainwashed
Rechtsextremismus hat viele Gesichter, es ist keine einheitlich klar definierte Ideologie: er äußert sich in Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit oder im Allgemeinen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Nicht immer gleich stark oder offensichtlich, manchmal leise und subtil. Dabei wird den Menschen immer eine Wertigkeit zugewiesen, messbar.
Religiöser Fundamentalismus hat mit Rechtsextremismus durchaus Schnittmengen. Wie sieht es aus mit den engmaschigen medizinischen Kontrollen?
Man steigert sich halt herein: Babyschwimmen, Stilltagebücher, Familienstammbäume über 3 – 8 Generationen, Ernährungsratgeber vor, während und nach der Schwangerschaft… In Erinnerung geblieben ist mir dass ich mit meinen Kindern ständig bei Vorsorgeuntersuchungen war obwohl es ihnen gut ging. Erst Recht als ich wieder arbeiten ging waren die vielen Pflichttermine einfach eine (eigentlich überflüssige) Last. Kein Vertrauen in die Eltern war doch deutlich spürbar. Genauso wie KiBiZ: ein nicht einhaltbares Betreuungsversprechen aus personeller Hinsicht, welches bis heute nicht überarbeitet wurde.
Rechtskonservativ oder rechtsextrem?
Vielleicht kommt es mir deshalb wie eine subtile Art des Rechtsextremismus vor, vielleicht unbeabsichtigt und ungewollt… die Versprechen, das „ Recht auf einen Vollzeit-Betreuungsplatz“ konnte von Anfang an nicht gehalten werden. Also bleiben die Aufgaben doch wieder an den Eltern, und seien wir realistisch, an den Müttern hängen und machen damit die Vereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf für Frauen so gut wie unmöglich. Abtreibungen, in Polen schon mehr als verwerflich, auch in Deutschland muss sich die Frau wieder mehr als erklären. Total daneben.
Herdprämie
Damit stehen wir auch schon kurz vor der Diskussion über die Herdprämie, zwar keine rechtsextreme, aber doch sehr rechtskonservative staatliche Maßnahme um „wenigstens etwas“ an den Müttern zurück zu geben. Aus feministischer Sicht ein Rückschritt um bestimmt 50 Jahre, wo der Vater der Alleinverdiener war und sich die Mutter die Kinder und den Haushalt kümmert. Was kommt als Nächstes, Stimmrecht nur für Männer und Müttertaschengeld?
Kindererziehung in Deutschland ist hauptsächlich geprägt von Bürokratie, Kontrolle und frühkindlicher optimaler Förderung bis auch wirklich der letzte kleine Sprachfehler ausgemerzt wurde. Eher entfernt von Erhalt der Individualität des Einzelnen oder kultureller Öffnung im Sinne der Assimilation. Zumindest ist dies mein persönlicher subjektiver Eindruck. Es sind nicht rechtsextreme Erziehende oder Erziehungsmethoden… problematisch ist das zu eng geschnürte Sytem.
Die langfristigen Folgen sind fatal: man kann Rechtsextremismus als immer wiederkehrenden Peak in der historischen Zeitleiste auffassen, der automatisch wieder in sich zusammenfällt weil es eine natürliche Konsequenz ist, dass menschenfeindliche Ideologien sich nicht durchsetzen (können). Der Rechtsextremismus den ich für möglich halte kann aber auch eine sich langsam entwickelnde gesellschaftliche Veränderung über Generationen oder eine epochale Entwicklung darstellen.
Nicht mein Metier, ja, aber meine Meinung.



